Helmuth Odenhausen
Werthmann Skulpturen

Friederich Werthmann zählt zu den geistreichsten und bekanntesten Stahiskulptoren der Gegenwart. Seine Gebilde überraschen durch die Fülle der dramatischen Gedanken, die sie zum Ausdruck bringen. Werthmann geht aus von Blechstücken und Streifen, vorwiegend aus nichtrostendem Stahl des Typs 18/8. Dieses Material wird allerdings seines allseitigen, regelmäßigen, konfektionären und mitunter sterilen Metallglanzes beraubt. Es erhält stellenweise und im Einklang mit der Form ein dunkles Farbengefleder aus der Skala der natürlichen Anlaß- und Oxydationsfarben des Stahls. Auf diese Weise wird aus Metallischem Kreatürliches und Organisches. Obgleich der Künstler von materiellen Grundelementen ausgeht - Stücken und Streifen -, die nach Art und Abmessung nahezu gleichartig sind, begnügt er sich nicht mit additionellen Strukturen, so reizvoll diese in ihrer statischen Gelassenheit und ihrer ornamentalen Geometrie sein können. Er sucht vielmehr begierig die Auseinandersetzung, den Konflikt. Aber dieser Konflikt wird niemals so idealistisch und heroisch überwunden, daß die Vorkonfliktsituation einfach wieder restauriert wird. Denn Idealismus und Heroismus können heute keine glaubwürdige und adäquate Geisteshaltung mehr sein. Und Restauration kann nur noch zum Verhängnis werden. Werthmanns Skulpturen bleiben entweder im Konflikt - wie das in seinen kugelförmigen Gebilden sichtbar wird - oder aber bewältigen den Konflikt in der Weise, daß die Nachkonflikt-Situation eine radikal andere ist als zuvor. Das zeigen beispielsweise Skulpturen, die als „Gordischer Knoten" bezeichnet sind. Der Konflikt ist seinem Wesen nach niemals statischer Zustand, sondern immer dynamisches, zuweilen dramatisches Ereignis. Das Kennzeichnende und Außergewöhnliche an Werthmanns Stahiskulpturen besteht darin, daß sie sich ereignen. Diese materielle Sichtbarmachung des Konflikts läßt sich wohl mit keinem anderen Werkstoff so erregend und konfrontierend vollziehen, wie mit Stahl.
 
In: Kalalog der Beratungsstelie für Stahlverwendung, Düsseldorf 1966